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Aus "Palast der Republik. Ein Rückblick / A Retrospective" 2006 erschienen
bei PRESTEL München London New York, 80 Seiten / 12,95 Euro
   
 

*Rosenthaler Kadarka und geschmorter Broiler*

Dreizehn Restaurants, Bars und Kneipen vereinte der Palast der Republik
unter seinem Dach.

Mit 1452 Plätzen (im Sommer kamen noch 322 Terrassenplätze hinzu) war das Haus am Berliner Marx-Engels-Platz auch gastronomisch ein Anziehungspunkt. Vor allem die drei großen Restaurants im 2. Geschoss erfreuten sich großer Beliebtheit -- Lindenrestaurant, Palastrestaurant und Spreerestaurant.

Schon kurz nach der Eröffnung notierte ein Zeitungsreporter: "Die Köche, Serviererinnen und Kellner betreuen im Durchschnitt 7000 Gäste. 2500 warme und kalte Speisen, 1300 Liter Bier, 2400 Tassen Kaffee, 2500 Eisbecher und 175 Torten werden serviert -- Ziffern, hinter denen solide Leistungen stehen". Hinter diesen Leistungen wiederum standen die 600 Mitarbeiter der so genannten Zentralküche im Keller des Hauses. Wolfgang Linne war von 1976 bis 1990 Cheffleischer im Palast der Republik und erinnert sich: "Das Personal kam aus dem gesamten Land. In unserer Patisserie arbeiteten zum Beispiel fast nur Sachsen, weil die traditionell die besten Kuchen und Torten herstellen können. Das Speiseeis, dass sie da in 20 Geschmacksrichtungen produzierten, war das beste in Berlin.

Ich hatte als Fleischermeister zehn Mitarbeiter. Dass wir im Palast eine eigene Fleischerei hatten, lag daran, dass man damals nicht einfach ein paar Tausend Steaks im Großhandel bestellen konnten, sondern ganze Schweinerücken oder Schweinekämme angeliefert wurden.

Täglich waren das an normalen Tagen um die drei Tonnen Fleisch. Im Durchschnitt lieferten wir der Küche 3000 Steaks pro Tag, sowie Hunderte Kilo Wild und Geflügel. Sehr beliebt war auch unsere Bratwurst nach Thüringer Art." Erhalten geblieben sind Speisekarten aus dem Palast der Republik, z.B. die vom 5. Dezember 1985. An jenem Tag stand das Lindenrestaurant im
Zeichen des "Russischen Winters" und die Menükarte erklärte: "Groß ist die Vielfalt der Nationalgerichte der Sowjetunion. Doch die russische Küche hat auch vieles aus anderen Ländern aufgenommen -- unzählige französische, türkische, griechische, persische, mongolische, chinesische und koreanische Speisen". Dieser kosmopolitische Überbau erlaubte an jenem Dezembertag überraschende"Spezialitäten der sowjetischen Völker", wie

- Geschmorter Broiler mit Stachelbeersoße und Apfelscheiben 6,55 M,
- Ukrainische Schweinshaxe und Sauerkraut mit Dillrahm und Kräuterkartoffeln 6,90 M oder
- Leningrader Pfefferfleisch mit Edelchampions in Rahm und pommes frites 13,00 M.

Das Angebot jenes Tages war durchaus typisch für die Palastrestaurants. Der Molekularbiologe und Bürgerrechtler Professor Jens Reich erinnert sich Jahre später in der ZEIT: "Man konnte DDR-fein essen, Typ Soljanka-Suppe, danach Schweinslendchen mit Pommes und Letschogemüse, als Dessert Ananaskompott".

Ina Mrozeck arbeitete in den 80er Jahren als Kellnerin im Palast der Republik und bestätigt, woran sich der Bürgerrechtler erinnert: " Das allerbeliebteste Essen war das "Braumeister"- Steak für 7,35 Mark, also Schweinerücken gefüllt mit Goudakäse und Kassler und dazu Erbsen und Pommes. Das war schon ein typisches DDR-Essen -- richtig viel Fleisch! Die Leute sind auch sehr gern zu Familienfeiern in die Palastrestaurants gekommen, zu Hochzeiten und zu Jugendweihen. An der Familientafel saß dann oft auch der Besuch aus dem Westen. Überhaupt hatten wir viele Gäste aus dem Westen. Wenn man die nicht schon an ihrer Kleidung erkannt hatte, dann kriegte man es spätestens beim Bezahlen mit. Die gaben nämlich, anders als die Ostdeutschen, nur ganz wenig Trinkgeld und zahlten stets getrennt."

Auf den Getränkekarten der Palastrestaurants stand alles, was dem ostdeutschen Gaumen seinerzeit als erlesen galt und das musste, wenn es um Wein, Wermut oder Sekt ging, vor allem lieblich schmecken -- vom rumänischen Dessertwein Marke Murfatlar bis zum bulgarischen Rotwein der Sorte Rosenthaler Kadarka. Letzterer war der Lieblingswein der DDR-Bürger und im Alltag genauso schwer zu bekommen, wie das Radeberger Pilsner, das aus den Zapfhähnen des Palastes lief. Ein kleines Bier kostete bis zum Schluss unverändert 70 Pfennige.

Ausgesprochen beliebt waren Gläser, Besteck und Geschirr aus den Palastrestaurants. Jedes Teil war mit den schwungvollen Initialen P d R verziert, und manches landete nach dem Essen als Souvenir in den Taschen der Gäste, statt auf dem Tablett des Kellners. Das Servierpersonal hatte wohl Order, geflissentlich hinwegzusehen über diese sehr volkstümliche Auslegung des Begriffs Volkseigentum. Täglich müssen ganze Wagenladungen Gläser und Geschirr nachgeliefert worden sein. Bei anderem Inventar scheiterte der Souvenirjäger am Gewicht. Die gusseisernen Lehnstühle aus der Weinstube, mit ihren schicken grünen Sitzkissen, waren schlicht zu schwer und zu sperrig, um sie unbemerkt mit nach Hause zu schmuggeln. Die kleine Weinstube erreichte man übrigens vom Uferweg auf der Spreeseite. Hier im Untergeschoss an der Rückseite des Palastes gab es außerdem eine kleine Berliner Bierstube und eine Bowlinganlage. Die acht Bahnen des /Spreebowling/ waren oft für Monate ausgebucht, da es im ganzen Land nur eine Handvoll solcher Anlagen gab. Vorbestellen galt auch für die Disco im Untergeschoss. Der /Jugendtreff /hatten Platz für etwa 250 Tanzlustige, Billardtische, Spielgeräte und -- Mitte der 70er Jahre der absolute Clou -- eine hydraulisch höhenverstellbare Tanzfläche.

Auch Matthias Platzeck, der spätere SPD-Vorsitzende und Ministerpräsident des Landes Brandenburg, hat den Palast der Republik in den 70er und 80er Jahren so manches Mal besucht und erinnert sich: "Was da angeboten wurde, konnte jedem Vergleich standhalten: kostenloser
Eintritt, familienfreundlich, es war immer ,etwas los', und alles war erschwinglich. Das galt übrigens auch für die 13 Restaurants -- Geheimtipp waren für mich das Weinrestaurant und die Berliner Bierkneipe auf der Spreeseite. (Ost)-Berliner werden sich vielleicht erinnern: Wenn
im Stadtzentrum mal wieder Tristesse angesagt war -- der ,Palast' war häufig die letzte Rettung. Erstklassige Konzertaufführungen, der einst beliebte ,Kessel Buntes', Theater im Palast':... für manchen die erste Begegnung mit der Kunst."

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